flying dolphins

 

Bernd - Uwe KrauseWortspieler / Novemberzeiten

 

 

Novemberzeiten

 
 

Auschwitz, Block 10 und 11
- Die Todeswand -

Der Mann steht gebeugt,
die Hände auf den Rücken gebunden.
Unter der schmutzigen Augenbinde rollen Tränen
über das von Schmerz und Hunger gezeichnete Gesicht

 
   
 

Ramallah

Der kleine Junge duckt sich hinter der Mauer,
ergreift die Hand seines Bruder,
der mit geballter Faust dem Panzer droht
und einen Stein wirft

 
 

 
 

Kabul

Die Mutter beugt sich schützend
über ihre kleine Tochter,
in der einen Hand das Bündel mit den letzen Habseligkeiten,
in der anderen die leere Wasserflasche

 
   
 

Der Soldat

hält das Gewehr,
die Lippen zusammengepresst
zieht er die Schulterblätter zusammen
und fragt sein Gewissen:

 
   
 

Das Gewissen

„Du verteidigst die zivilisierte Welt
gegen den Terrorismus“

„Du kämpfst für die heilige Erde deines Vaterlandes,
dein Kampf ist gerecht“

„Du führst den Kampf für dein Volk, deine Rasse,
das andere, ist unwertes Leben“

 
   
 

Eine Baracke im Konzentrationslager 
Auschwitz - Birkenau
am 03.10.2001

Gebückt trete ich in den Raum,
tauche ein in das Grau,
meine Hand streicht über die verwitterten Holzbohlen
der Verschläge,
ganz vorsichtig,
als könnte ich die Menschen aufwecken,
die hier gelitten haben.

Ich lehne mich an eine Wand, die Augen geschlossen.

Stimmengemurmel
verschwindet in den zerfressenen Mauerritzen.

Ich zwinge mich, gleichmäßig zu atmen.

Mein Augen öffnen sich langsam,
finden Halt am hellen Rechteck eines Fensters
davor die Umrisse eines Schmetterlings.

Verzweifelte Flügelschläge, dem Licht entgegen.

Ich höre das ganz leises Klopfen auf der Scheibe
und spüre Angst.

Aus dem Dunkel der Baracke löst sich eine Frauengestalt,

richtet sich auf

streckt die Hand aus

öffnet das Fenster.

Der Schmetterling findet seinen Weg.

Wärme, Licht und Hoffnung strömen in den Raum.

 

 
     

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