flying dolphins

Die kleinen Delfine

Märchen und GeschichtenBüffel Rollender Donner -  Der Traumpfad   

 

  

Büffel Rollender Donner

Das Zeichen

Es war einmal ein kleiner Junge, der wohnte mit seinen Eltern und Geschwistern und dem Rest des Stammes in einem Dorf  am Rande der weiten Grassteppen in einem Land, das wir heute die Vereinigten  Staaten von Amerika nennen.
Das Dorf lag in einer fruchtbaren Senke, nicht weit entfernt von einem Fluss. In der Ferne erhoben sich die mächtigen Steinriesen der Heiligen Berge, über denen an jedem Abend die Sonne unterging. 

Der kleine Junge hatte damals noch keinen Namen. Er wuchs heran, wie all die anderen Jungen in dem Dorf. Onkel "Kranichschwinge" lehrte sie auf dem Übungsplatz vor dem Dorf den Gebrauch von Pfeil und Bogen, an sonnigen Tagen schwammen die Jungen  im nahen Fluss und an den Abenden saß er oft in der Dunkelheit am Rande des Lagerfeuers und lauschte den Geschichten des Großvaters "Adler Weiße Wolke".
In seinem Stamm war der Großvater ein besonders angesehener Mann. Er kannte die heiligen Pflanzen, die den Menschen helfen konnten, bei Verletzungen, Übelkeit oder Fieber. Aus dem Zug der Wolken las der Großvater das Wetter  und er wusste Bescheid über all die heiligen Zeremonien die notwendig waren, um mit den Geistern der verschiedenen Welten zu sprechen.

Die Menschen kamen zu ihm, um ihm ihre Träume zu erzählen und um ihn um Rat zu bitten.
"Die Träume", sagte der Großvater einmal zu dem Jungen, "erzählen von den unsichtbaren Pfaden, auf denen die Menschen  wandern. Die Träume beschreiben die Welten, aus denen alles entstanden ist und zu denen alles hinführt. Sie sind ein Geschenk an die Menschen und es ist gut, seine Träume zu kennen und sie zu ehren".
Der Junge hatte schon oft geträumt. Für jeden Traum, an den er sich erinnerte, hatte er Worte gefunden und dann dem Großvater berichtet. 

Der saß dann mit geschlossenen Augen, lauschte den Worten seines Enkels, nickte hier und da mit dem Kopf oder brummte leise. Einmal, vor gar nicht langer Zeit, hatte er lächelnd gesagt:
"Bald wirst du ein Zeichen erhalten und dann wirst du dich auf den Weg machen, hinausgehen,  um deinen Großen Traum zu finden“.
Der Große Traum, der Junge wusste das, dieser Traum bedeutete etwas anderes, als in irgendeiner Nacht Bildern zu begegnen, an die er sich am nächsten Tag erinnern konnte.

Den Großen Traum träumen, das hieß, er muss das Dorf verlassen und sich auf den Weg machen,  hinauf in die Einsamkeit der Berge. So wie es vor ihm schon der Vater, der Großvater und all die Onkel getan hatten, solange die Geschichten des Stammes in der Erinnerung an die Vergangenheit zurückreichen.

Dort würde er die heiligen Gesänge singen und tanzen,  wie es der Großvater ihn gelehrt hatte, solange, bis zum Klang der unsichtbaren Trommel die Traum - Katchina seinen Gesang erhört hatten und zu ihm sprechen würden.

Niemand konnte vorhersagen, was dann geschehen würde, jeder Tänzer trug dieses Geheimnis mit sich, sein ganzes Leben lang. Wenn er den Weg seines Großen Traumes gefunden hatte, konnte er die heiligen Berge wieder verlassen. Dann bliebe der kleine Junge dort oben und er würde mit einem Namen als ein junger Krieger in sein Dorf zurückkehren.

Eines Morgens, der Junge war gerade erwacht, er reckte sich. Wie an  jeden Morgen kostete es ihn Überwindung, die wohlig warme Höhle unter der Decke zu verlassen. Vor dem Zelt hörte er den leisen Gesang der Mutter. Die Geschwister schliefen noch.  Unter der braunen Büffelfelldecke schaute das runde Gesicht des jüngeren Bruders hervor, fast verdeckt von den verstrubelten, schwarzen Haaren. In der Mitte des Wigwams hatte die Mutter bereits ein kleines Feuer entfacht, die weißen Schwaden suchten sich kringelnd einen Weg hinauf zu der Öffnung in der Spitze des Zeltes. Als er sich aufrichtete, biss ihn der Rauch in die Nase. Offenbar hatte er gestern beim Holz sammeln einen feuchten Ast gegriffen, der jetzt den beißenden Qualm entwickelte. Nur gut, dass der Vater an diesem Morgen nicht da war, er hätte sicher missbilligend die Stirn gerunzelt.

Doch der Vater war mit  anderen Kriegern die Nacht über draußen in der Prärie geblieben, um eine Büffelherde zu verfolgen, die ein Späher am Fuß der Berge entdeckt hatte. Eine erfolgreiche Büffeljagd bedeutete ein wichtiges Ereignis für den ganzen Stamm. Wenn es den Männern gelang einen oder sogar zwei der mächtigen Tiere zu erlegen, wären die Kochtöpfe über den Feuern wieder für einige Wochen mit Fleisch gefüllt. Das übrige Fleisch würden die Frauen als Wintervorrat trocknen. 

In der letzten Zeit war das sonst immer freundliche Lächeln vom Gesicht der Mutter verschwunden, die ersten Herbststürme kündigten sich an und ehe der Winter hereinbrach, musste das Dorf genug  Vorräte beschafft haben,  um die lange Wanderung in das Winterquartier zu überstehen. Die  steile Sorgenfalte auf ihrer Stirn hatte sich nur wenig geglättet, als eine Gruppe junger Krieger vor einigen Tagen mit einigen Erdhörnchen als Beute von einer mehrtägigen Jagd zurückgekehrt waren.

Der Junge hatte gerade sein weiches Büffellederhemd übergestreift und wollte in seine Leggins schlüpfen, da hielt er überrascht inne. Auf seinem Hemd lag eine Feder, eine braune Feder, deutlich konnte er das Muster erkennen, es war eine Eulenfeder. Wie war diese Feder in das Zelt gekommen? Wer hatte sie dort hingelegt? Ein Schreck durchzuckte ihn. Schnell schlüpfte er in seine Hose, achtsam ergriff er die Feder und lief zum Zelt des Großvaters. 

 

Der Großvater

Als er das Zelt erreicht hatte, wollte er die Eingangsdecke gerade laut rufend zur Seite schlagen, als er sich besann. Es war notwendig, dem Großvater würdevoll zu begegnen und so schlug er mit der flachen Hand gegen die Eingangsdecke und rief halblaut "Großvater, Großvater!" In dem Zelt blieb es still. Der Junge war verwirrt, diese Eulenfeder war gewiß ein wichtiges Zeichen, er brauchte jetzt dringend den Rat des Großvaters, warum gab er keine Antwort? 

"Der junge Krieger ist erfüllt vom Feuer der Ungeduld" 
hörte er da hinter sich die Stimme des Onkels "Habicht Schneller Flug",
"der Großvater ist zum Sonnenaufgang hinunter an den Fluß geritten. Der junge Krieger wird die Unruhe in seinem Herzen zähmen und die Rückkehr des Großvaters abwarten".

Der Onkel hatte recht, wenn der Großvater hinunter n den Canyon zum Fluss geritten war, um die Tagesanbruchszeremonie zu tanzen, durfte ihn niemand stören. Das Jagdglück der Männer konnte davon abhängen, ob es Adler Weiße Wolke gelang, die Kräfte von Großvater Sonne mit denen von Großmutter  Erde zu verbinden.

So kauerte er sich vor dem Zelt des Großvaters nieder und wartete. Er war sich nicht sicher, ob er noch einmal eingeschlafen war, doch als er plötzlich die Stimme des alten Mannes neben sich vernahm war er hellwach. Mit einem Satz sprang er auf und stand dem Großvater gegenüber. Sein weißes Haar fiel auf die Schultern herab und umrahmte das von tiefen Falten zerfurchte Gesicht. 

Ehe der Junge ein Wort sagen konnte sprach der alte Mann:
"Der Große Geist hat die Geduld meines Enkels belohnt. Ich sehe du bist  bereit, den Traumpfad zu beschreiten".
Er nahm die Eulenfeder, die ihm der Junge mit beiden Händen entgegenstreckte.

"Wenn die Sonne an diesem Abend die Spitze der Heiligen Berge berührt, wird der Mond seine volle Größe erreicht haben. Dann wird die Reinigungszeremonie beginnen. Die Frauen werden die Schwitzhütte für dich bereiten, im Licht des Mondes wirst du Abschied nehmen von den Tagen deiner Kindheit. 
Am nächsten Morgen, in der Dämmerung des neuen Tages, beginnt dein Weg".

Der Großvater schaute ihn mit ernstem Gesicht an, doch für einen Augenblick blitzte ein aufmunterndes Lächeln in seinen Augen.

Der Junge dankte dem alten Mann. Dann ging er zum Zelt hinüber, um sich auf die Reinigungszeremonie vorzubereiten. Er bemühte sich seine Aufregung zu verbergen und als er seiner kleinen Schwester begegnete, machte er ein würdevolles Gesicht und tat so, als würde er sie gar nicht bemerken.

 

Der heilige Tanz

Noch ehe die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, hatte der Junge den Fluss überquert und wanderte mit weit ausholenden Schritten auf die Berge zu.
Obwohl er in der Nacht nicht geschlafen hatte, fühlte er sich frisch und kräftig, mit tiefen Atemzügen sog er die kühle Morgenluft ein. Anfangs achtete er noch auf das vom Morgentau feuchte Präriegras, bemerkte das Rascheln eines kleinen Tieres, das bei seiner Annäherung davonhuschte.

Doch schließlich wurde seine ganze Aufmerksamkeit von dem vor ihm liegenden Bergmassiv gefesselt. Im Schein der aufgehenden Sonne begannen die Felsen in einem tief dunklen Rot zu strahlen. Während die Sonne höher stieg, wurde die Wärme in seinem Rücken stärker.

Mit dem Lauf der Sonne veränderte sich die Farbe der Steine. Am frühen Vormittag leuchteten sie in unterschiedlichen Orangetönen und als sich die Sonne ihrem höchsten Stand am Mittag näherte,  veränderten sich allmählich die hellen Gelbtöne zu erdigen Ockerfarben.
Die Hitze der flammende Sonne machte ihm jetzt sehr zu schaffen, er hielt Ausschau nach einem schattigen Platz, doch weit und breit war kein Baum oder Strauch zu sehen, nicht einmal ein Felsen, der ihn vor den sengenden Sonnenstrahlen schützen konnte.

Er spürte schmerzhaft seine ausgedorrte Kehle, doch noch war es zu früh, einem Schluck aus der Kürbisflasche zu trinken. Er wusste, dass er das Wasser einteilen musste, denn es war nicht sicher, ob er in den Bergen eine Quelle finden würde.

Als er einen Augenblick vor Erschöpfung stehen blieb und sich umschaute, entdeckte er ganz in der Nähe einen Kaktus. Erleichtert atmete er auf. Auf einem seiner Streifzüge hatte der Vater ihm gezeigt, wie er aus den stachligen Blättern dieser Pflanze eine durststillende, wohlschmeckende Flüssigkeit saugen konnte. Er war froh und stolz, dass er sich daran erinnerte, zog das Messer aus dem Gürtel und wollte zu dem Kaktus hinüberlaufen.

Da zuckte er plötzlich zusammen und blieb wie gelähmt stehen. Vor ihm erklang das bedrohliche Rasseln einer Klapperschlange. Er hielt den Atem an, würde er jetzt eine falsche Bewegung machen, wäre er verloren. Er wusste, der Biss dieser Schlange würde ihn töten.

Er spürte wie seine Muskeln zitterten, doch er zwang sich zur Ruhe. In seiner rechten Hand fühlte er den festen Griff seines Messers. Das Blut pochte in seinen Schläfen, da begann er wieder zu atmen, langsam, ohne sich zu bewegen. Er schaute die Schlange an, konzentrierte seinen Blick auf eine Stelle unterhalb des Kopfes. Und dann ging alles blitzschnell, das glänzende Metall sauste durch die Luft, während er einen Sprung nach hinten machte, bäumte sich die Schlange auf und fiel auf die Stelle, an der er eben noch stand, tot ins Gras. Er schaute die Schlange an, das Muster auf ihrem Rücken erinnerte ihn an die Schnitzereien auf der Pfeife des Großvaters. Dabei ging er in die Hocke und überlegte. Er war in das Reich des Tieres eingedrungen und hatte es aufgeschreckt. Schließlich  entschloss er sich, den Geist der Schlange zu rufen und bat ihn um Verzeihung. 

Mit dem Messer kratze er anschließend eine Mulde in die Erde und schob das tote Tier hinein. Dann kramte er in seinem Beutel, fand schließlich das Säckchen mit dem Salbei, streute ein paar Blätter über die Schlange und schichtete zu Abschluss einige Steine über die Mulde.

Erst jetzt löste sich langsam seine Anspannung und er spürte wieder den quälenden Durst. Hastig schnitt er ein paar Blätter von dem Kaktus und begann sie auszusaugen.

Danach setzt er seinen Weg fort. Bald wurde der Weg steiniger und führte immer steiler bergauf. Er hörte seinen keuchenden Atem und die Stimme des Windes, der durch die Schluchten strich, schien ihm zu antworten.

Er hatte es kaum bemerkt, dass inzwischen die Nacht hereingebrochen war, in der dunklen Kuppel des Nachthimmels funkelten unzählige Sterne. Nun war er schon den ganzen Tag gewandert. Er spürte die Müdigkeit, hatte den Wunsch sich einfach hinzulegen und zu schlafen. Doch er spürte, dass er sein Ziel noch nicht erreicht hatte.

Langsam veränderte sich die Landschaf, er hatte das Gebirge hinter sich gelassen und trat hinaus auf eine weite, grasbewachsene Ebene. Der Nachtwind war kühl, doch das Blut pochte in seinen Adern einen wilden Rhythmus. Nachdem er noch ein Stück gegangen war, erreichte er schließlich eine kleine Senke, in der ein alter, knochiger Baum stand. Da wusste er, das war der heilige Platz, den er gesucht hatte.

Er war jetzt so erschöpft, dass er sich am liebsten sofort unter diesen Baum gelegt hätte, um zu schlafen. Doch seine eigentliche Aufgabe stand ihm jetzt erst bevor. Zuerst sammelte er Steine, die er sorgfältig zu einem Kreis legte. Als er schließlich in der Mitte des Kreises stand, war alle Müdigkeit verflogen. Mit langsamen Bewegungen begann er unter dem Baum den heiligen Tanz, den ihn der Großvater gelehrt hatte und dazu sang er die uralten Gesänge seines Stammes. 

 

Die Vision

Da ertönte aus der Ferne die Stimme des Großvaters, seinen heiseren Gesang und auch den dumpfen Schlag der heiligen Trommel. Der Gesang kam näher und näher  und im stetigen Rhythmus des Trommelschlags tanzte der Indianerjunge, bis die weiße Scheibe des Mondes ihn in ein silbernes Lichtschleier hüllte und es schien ihm, als würden ihn die silbernen Strahlen davontragen.

Mit einem Mal hörte er das Rauschen von fließendem Wasser und spürte, dass er in einem plätschernden Bach stand. Überrascht schaute er sich um, als er erschrocken zusammenzuckte. Neben ihm stand eine Gestalt, obwohl es jetzt völlig dunkel war, ging ein seltsames Leuchten von dieser Wesen aus. 

"Ein Traumkatchina", er wusste sofort, wer ihm da gegenüber stand.

"Ja, ich bin dein Traumkatchina", hörte er jetzt eine Stimme zu ihm sprechen,

"Schau" sprach der Katchina und zeigt auf das fließende Wasser zu seinen Füßen.

"Das ist der Fluss deines Lebens, von dort" und er zeigt in die eine Richtung "bist du gekommen".

Der Junge wandte den Kopf und erblickte in der Ferne einen zweiten Katchina.

"Er wacht über die Träume deiner Vergangenheit" hörte er den Katchina sprechen, der vor ihm stand.

"Und dorthin fließt der Fluss deines Lebens", sprach er und zeigte in die andere Richtung, "dort wartet der Katchina, der über die Träume deiner Zukunft wacht".

"Wann immer du uns in deinen Träumen rufst, wir werden zur Stelle sein und dich begleiten." Ein leiser Gesang ertönte und das Bild des Katchinas verblasste. 

Für einen Augenblick war es ganz still, dann begann in der Ferne eine Trommel zu schlagen, zuerst noch leise, dann lauter und lauter, dann so heftig, dass der Boden unter seinen Füßen bebte.

Schließlich war die Luft von einem gewaltigen Dröhnen erfüllt, es war als würde der Donner eines gewaltigen Unwetters heranziehen. Er zuckte er erschrocken zusammen. 

"Eine Büffelherde!", schoss es ihm durch den Kopf. Er wusste, dass es nichts gab, was den rasenden Sturm einer wilden Büffelherde stoppen konnte. Schon konnte er in der Ferne die ersten Tiere erkennen, die mächtigen Körper, mit den breiten Köpfen und gebogenen, spitzen Hörnern.

Da löste sich aus der aufgewirbelten Staubwolke die Umrisse eines weißen Büffels. Das Tier lief schneller als die anderen Büffel und kam mit gesenktem Kopf direkt auf ihn zu galoppiert. 

Zuerst war er wie vor Schreck erstarrt, doch dann erinnerte er sich an die Worte seines Traumkatchinas und mit einem lauten Schrei er rief ihn zu Hilfe.

Wie von einer magischen Hand gestoppt blieb das gewaltige Tier direkt vor dem Jungen stehen, seine Flanken bebten und es blickte den Jungen aus seinen roten Augen an.

Der Junge streckte seine Hand aus und berührte die Stirn des weißen Büffels. Im gleichen Augenblick durchströmte ihn eine ungeheure Kraft, er blickte sich um. Die eben noch wild stampfende Büffelherde stand jetzt friedlich weidend um ihn herum.

"Büffel Rollender Donner", sprach eine Stimme, "dein Name ist "Büffel Rollender Donner".

Da stieß er einen gewaltigen Schrei aus, der weit über die Prärie schallte und auf den Rücken der Büffel wurde die Botschaft hinausgetragen:
sein Name ist - "Büffel Rollender Donner".

 

 

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