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Briefe an Jokaste

Briefe an Jokaste, sind Briefe des abwesenden Mannes, des liebenden Mannes, des leidenschaftlichen, sehnsuchtsvollen Mannes. Es sind auch Briefe des abwesenden Vaters, des Vaters, der aus unterschiedlichen Gründen nicht mit seiner Frau und seinem Sohn zusammen lebt.

In der griechischen Mythologie ist Jokaste die Mutter von Ödipus, ihr Mann, sein Vater, ist der König Lajos. Die Mythologie berichtet, dass Ödipus seinen Vater ermordet  und seine Mutter geheiratet hat.
FREUD verwendet diesen Mythos als Beleg für seine Behauptung, jeder Junge würde in einem bestimmten Alter seine Mutter begehren und in einer, wenn auch unbewussten Eifersuchtshandlung, den Tod des Vaters anstreben. Die aus diesen Wünschen resultieren Schuldgefühle mit all seinen Begleiterscheinungen, nannte FREUD, den Ödipuskomplex. Das alles geschieht in einem bestimmten Lebensabschnitt, in der ödipalen Phase. 
Solche Begriffe geistern nun gleichermaßen sowohl durch die Umgangssprache als auch die psychologische Fachliteratur. Das tückische an ihnen ist, dass sie sich verselbständigen, sie gewinnen gewissermaßen ein Eigenleben. Wird ein Begriff verwendet, so scheint er eine innere Wahrheit auszustrahlen, trägt in sich seine eigene Fachautorität und es ist so einfach, sich in stillschweigendem Übereinkommen darauf zu verständigen. Jeder meint, dass er weiß, dass er denkt, was gemeint ist.
Wie war das eigentlich, als Ödipus seinen Vater umgebracht hat? Hat er ihm heimlich aufgelauert und dann heimtückisch ein Messer in den Rücken gestoßen, um anschließend in das Bett der Mutter zu springen? Wie heißt eigentlich die Geschichte hinter der Geschichte?
Vielleicht könnte es sich lohnen, den Mythos genauer anzuschauen. Wie war es dazu gekommen, dass Ödipus von seinen Eltern ausgesetzt worden war? Sie hatten das Orakel befragt. Es ging um ihre gemeinsame Beziehung, als Frau und als Mann. Sie waren sich unsicher, als Paar. Sie haben sich später nicht die Mühe gemacht, den vom Orakel prophezeiten Mord zu verhindern. sondern ihren Sohn verstoßen. Die Geschichte handelt also von der Verantwortung der erwachsenen Menschen, nicht von den Bedürfnissen der Kinder.
Es geht auch um die Verantwortung der Eltern in der Beziehung zu ihren Kindern, heute, immer dann, wenn von Ödipus die Rede ist. Die Frau und der Mann, als Liebespaar haben sie zueinander gefunden. Mit der Geburt ihres Kindes wurden Mann und Frau, Mutter und Vater, das Liebespaar - Eltern. 
Die spannende Frage heißt: Gelingt es den beiden, Eltern zu werden und Liebespaar zu bleiben? Und was geschieht, wenn eine Person gar nicht anwesend ist, physisch oder psychisch? Und warum ist diese Person, hier soll es der Vater sein, nicht anwesend? viele Fragen.
Die Briefe an Jokaste werden darauf keine Antwort geben. Sie erzählen Geschichten, malen Bilder, aus der Perspektive des Mannes, mit seinen Gefühlen, werden Beziehungen beschreiben, zwischen Frauen und Männern.

Briefe an Jokaste, sind Briefe des abwesenden Mannes, des liebenden Mannes, des leidenschaftlichen, sehnsuchtsvollen Mannes. Es sind auch Briefe des abwesenden Vaters, des Vaters, der aus unterschiedlichen Gründen nicht mit seiner Frau und seinem Sohn zusammen lebt.

 


Briefe an Jokaste: 1.Brief

Jokaste!
Es war die Nachtigall, oder war es vielleicht doch eine dieser dicken fetten Tauben, die die Berliner Hinterhöfe bevölkern, vielleicht war es auch die untergehende Sonne, die den Spreebogen in ihr rotes, warmes Licht tauchte und die grauen Fabrikgebäude in die schwarze Silhouette  eines Scherenschnitts verwandelte. Es gab an diesem Abend auf der Spree auch noch eine Entenfamilie, ich glaube mit fünf kleinen Küken, nur noch in Umrissen, als Schatten auf dem Wasser erkennbar, diese kleinen Federbälle, ganz emsig auf dem Wasser hin und her schwimmend, mit ihrem aufgeregten, hellen Piepsen wecken sie jedes Mal wieder in mir eine Phantasie, ein Bild, das vor meinen Augen aufstieg: 
Ich halte meine beiden Hände zu einer Schale geformt, darin hockt solch ein Küken, ich spüre durch die dünnen Federn sein Herz aufgeregt schlagen, fühle die kleinen Flügel, wie sie sich unruhig flatternd spreizen, noch viel zu jung und unfertig für Flugversuche, ich fühle meine eigene Aufregung, die Angst, meine Hände könnten sich öffnen, fallen lassen, ich möchte Sicherheit und Geborgenheit geben, spüre aber gleichzeitig den Schreck in mir, dass ich es bin, der die Aufregung und Unruhe verursacht.
Warum solch Gedanken, wenn ich an dich denke? Warum habe ich Angst, ich könnte nicht festhalten, was muss ich festhalten, wofür fühle ich mich verantwortlich? 
Es ist mein Traum.
Ich bin Dir begegnet, der Mond hat noch nicht wieder seine volle Gestalt erreicht, wir gehen nebeneinander her, wir sprechen miteinander, wir zeigen uns Bilder, geschaffen mit unserer Sprache, Facetten aus einem Kaleidoskop, Mosaiksteine, die jeder von uns aus seinem Leben, der Erinnerung an seine Geschichte herausbricht.
Ich schaue Dich an, suche Dich in Deinen Augen, suche von Dir Antworten auf Fragen, die ich noch nicht stellen kann. Meine Hand ruht auf Deinem Bauch, ich zögere, Deine Brüste zu berühren, ich spüre Deine Lippen auf meinem Mund und suche Deine Nähe.
Ich möchte zu Dir kommen, hören, fühlen, riechen, schmecken, entdecken, Dich mit Dir erleben.
Wenn wir uns wiedersehen, möchte ich Dir mehr erzählen, über das aufgeregte Küken, in meiner Hand.
Ich umarme Dich ganz zärtlich, wie ein abendlicher Sommerwind.

Lajos


Briefe an Jokaste: 2.Brief

Jokaste!
Ich gehe den Strand entlang, die Sonne nähert sich dem Horizont,  hüllt alles in ein warmes, gelbes Licht, der Wind ist eingeschlafen, leise und sanft platschen die kleine Wellen, verlaufen sich auf dem Sand, bedecken manchmal gerade noch meine nackten Füße, versickern im Sand, noch spüre ich die Hitze des Tages auf meiner Haut, atme und höre den Schrei einer Möwe.
Du bist so weit fort
Ich halte die Hälfte einer kleinen weißen Muschel in meiner Hand, bewege sie mit den Fingern hin und her, spüre die feinen Linien an ihrer Oberfläche, ihr Muster, ihre Form. Ich kenne ihre Struktur, eine Muschel, meine Hand umschließt eine Hälfte, wo mag die andere sein? Habe ich sie längst zertreten? Liegt sie noch irgendwo im Sand? Auf dem Meeresgrund? Mein Zeigefinger zeichnet die Linie Deiner Oberlippe in den feuchten Sand, ich schließe meine Augen, suche Deinen Mund, ich schmecke Salz auf meinen Lippen, eine Welle hat mein Bild von Dir fortgespült. Die Sonne ist untergegangen.
Aus der Tiefe des Schlafs, auf den Flügeln eines Traumes, regt sich  mein Bewusstsein im Schein der Morgensonne, die auf meinen geschlossenen Augenlidern liegt. Die Wärme und Schwere der Nacht lässt mich verharren, es ist ganz still, ich spüre einen Muskel im rechten Oberarm, auf dem ich liege, drehe mich auf den Rücken, strecke mich, fühle das Blut, das in meiner rechten Hand pulsiert, unruhig bewege ich meine Finger, bis das Kribbeln nachlässt. Noch kann ich mich nicht entschließen, die Augen zu öffnen, mein eregierter Penis drückt gegen die Bettdecke, ich streiche mit beiden Händen über meine nackte Brust, über den Bauch und die Hüften, bis die Hände, über dem Penis gefaltet liegen bleiben.
Ich rolle mich auf die Seite, strecke meine Hände neben mich, fühle das kalte, glatte Lacken, die Leere, rolle mich noch einmal zusammen, verschwinde unter der Decke, atme die Wärme meines Körpers. Wenn ich jetzt die Augen öffne, höre ich Deinen Namen, den ich in die Dunkelheit flüstere.

Ich sitze hier an meinem Schreibtisch, meine Hände bewegen sich über die Tasten, berühren und bewegen sie, Gedanken formen sich in meinem Kopf zu Sprache, ich bilde Worte, zerschneide sie noch einmal zu Buchstaben, die ich mit den Fingern aufsuche, nach den Regeln von Orthographie und Grammatik zusammensetzt, was bedeutet diese Handlung? Sind es die Worte, die ich Dir mitteilen will, wozu dieses Spiel mit der Sprache, dieses in mir mit Dir sprechen? Ich schließe meine Augen, es bleibt die Dunkelheit, ein Saxophon tanzt mit einem Bass, sie verschmelzen miteinander, mein Herzschlag, im Offbeat. 
Was spüre ich, sind es die Gedanken an Dich, die Töne der Musik, ist es der Kaffee des Nachmittags? Diese Sätze machen mich traurig, meine Traurigkeit formt die Sätze. Ich fühle meine Gedanken, denke über meine Gefühle - schreibe an Dich, spreche mit mir zu Dir.

Laios


Briefe an Jokaste: 3.Brief

Jokaste!
Wir sind heute den ganzen Tag geritten. Kurz vor Sonnenuntergang haben wir unser Lager aufgeschlagen. Die Pferde sind versorgt, Wachen aufgestellt, von einem Bauern haben wir ein Schaf gekauft. Viele von uns sind krank, der Körper bedeckt von Geschwüren. Während unseres Ritts am heutigen Tage, er führte uns entlang eines breiten Flusses, habe ich lange mit Pater Bernward gesprochen. Wir haben für unseren Herrn gekämpft, dort im Morgenland, viele von uns haben ihr Leben gegeben für den Herrn, so wie Jesus sein Leben hat gegeben für uns. Was sind diese Krankheiten, die so viele von uns in sich tragen, eine Strafe Gottes? Für unseren Kampf, dessen Ende nicht abzusehen ist. Unser Kampf, den wir für den Herrn geführt haben. Pater Bernward glaubt, dass es Gottes Wille ist, es ist sein Wille, wir müssen ihn ertragen. Pater Bernward sagt auch, dass es Gottes Wille ist, dass wir mit diesen Krankheiten leben, der Herr wird uns Wege weisen, sie zu lindern, vielleicht zu heilen.
Ich blicke in die Glut des Lagerfeuers, die Flammen sind heruntergebrannt, es ist kalt, der Wind rauscht in den Bäumen, wenn ich die Augen schließe, versuche ich mir die Burg vorzustellen.
Die mächtigen Mauern, umspült von den dunklen Wassern des Burggrabens, die vier trutzigen Ecktürme, ein Ort der Schutz und Sicherheit verheißt. In meinen Gedanken schaue ich über das Land, die Wälder, in denen ich so oft zur Jagd geritten bin, die fruchtbaren Felder, auf denen das Landvolk voller Eifer seinem Tagewerk nachgeht. Dieses Land, das uns von unserem Kaiser zum Lehen gegeben wurde.
Fünf Jahre sind jetzt vergangen, seit meine Füße zum letzten Mal über die dicken Eichenbohlen der Zugbrücke geschritten sind. Euer Tuch, welches wie eine weiße Taube von der höchsten Zinne als letzter Gruß herabwehte, mein Knappe brachte es mir, bei mir getragen habe ich es, all die Jahre.
Ich höre das Rufen unseres Sohnes. Gunnar hatte ihm schon das Reiten beigebracht, ihn gelehrt gar trefflich Schwert und Schild zu gebrauchen und auch die Lanze. Und doch war er noch ein Kind, zu jung um bei seinem Onkel auf Schloss Wartenfels als Knappe in den Dienst zu treten. Wir werden uns am Tor begrüßen, der Vater und sein Sohn, damals noch ein Kind, jetzt ein Jüngling, auf der Schwelle zum Mann. Ich werde ihm erzählen, von unseren Kämpfen, dort gegen die Sarazenen. 
Im nächsten Frühjahr, nach der Schneeschmelze, wird wieder ein Herold des Kaisers an unser Tor klopfen und Einlass begehren. Dann werden Deine Lippen den Namen Deines Mannes und Deines Sohnes formen, wenn Du wieder auf der höchsten Zinne stehst.
Mein Herz ist voller Ungeduld, es eilt Dir entgegen, oh Du, Jokaste!

Lajos


Briefe an Jokaste: 4.Brief

Jokaste!
Ich habe großes Glück gehabt, noch zwei Bogen Briefpapier zu ergattern. Heute Nacht soll noch einmal ein Ausbruch versucht werden, ich hoffe, dass sie es schaffen und den Stab erreichen. Dann wird Dich dieser Brief sicher noch vor Weihnachten erreichen.
Die letzten Tage waren furchtbar. Es ist bitterkalt. Solange wir in den Unterständen oder im Graben sind, geht es noch, da spürst Du den Wind nicht so stark, aber draußen, auf dem Vorposten, es ist nicht auszuhalten. Gestern, in einer Feuerpause, habe ich mein Gesicht an ein Geschützrohr gelegt, es war warm.
Willie hat es erwischt. Er lag neben mir im Schnee, sie haben Sperrfeuer geschossen, plötzlich hat er aufgeschrien, zuerst ganz laut, dann wurde er immer leiser, das Blut lief aus seinem Mund.
Plötzlich streckte er mir seine Hand entgegen. "Gib das Lisa," flüsterte er, es war ein kleines goldenes Herz.
Wir haben ja immer gedacht, uns passiert nichts, Willie und mir. Ich spüre jetzt wieder die Angst, wenn die Dicken einschlagen und der Boden unter dir erzittert, du kannst nichts machen. Unaufhörliches Erschrecken.
In der letzten Nacht habe ich geträumt, von unserem Spaziergang um den See, die Sonne schien schon so warm, obwohl es erst April war. Erinnerst Du Dich noch an die kleinen Enten. Wir haben überlegt, wer wohl der Entenvater sein könnte? Ob die Entenkinder das wussten? Und die Entenmutter? Ob die den Vater ihrer Kinder noch wiedererkannt hat? Vielleicht sind sie jetzt schon alle gefressen, vom Fuchs oder vom Hecht oder der Wasserratte.
Ich muss dauernd an den Kleinen denken. Immer wieder schaue ich mir das Foto an, das wir damals unter dem Apfelbaum gemacht haben. Ist es nicht wunderbar, was die Technik alles möglich macht? Ich habe das Bild in die alte Brieftasche gesteckt, da ist es sicher aufgehoben. Es ist traurig, dass er nie seinen Grossvater kennen lernen wird
Lange kann es nicht mehr dauern, dann bin ich wieder zu hause, bei Euch. Wenn erst die neuen Waffen eingesetzt werden, von denen jetzt so viel geredet wird, dann geht es auch bestimmt wieder voran. Wir dürfen den Mut nicht verlieren und müssen an den Führer glauben. Dann gehört uns der Endsieg. Alles wird gut werden.

Laios


Briefe an Jokaste: 5.Brief

Jokaste!
Dein Bild spiegelt sich auf dem Vorhang der Zeit, Erinnerungen aus der Vergangenheit, gebündelt in der Gegenwart; Sehnsucht, sollte sich auflösen in Deinen Armen, so viel Wärme, Energie. Bang war mir vor der gewaltigen Kraft des Huricans, der mich herumwirbeln würde und voller Erwartung war ich, zu fallen, tief, bodenlos, in die unendliche Weite Deiner Umarmung. Wie ein blühender Rosenkelch war mein Herz geöffnet für Dich, bereit zur Begegnung mit Dir. Jeden Augenblick auf dem Weg zu Dir, fühlte ich meinen Herzschlag, voller Erwartung unserer gemeinsamen Lust, voll Lust in der Erwartung. Erwartungen, auch Fragen, was wird geschehen, wie wird es sein?
Eingebettet kam ich, in eine dicke Wolke von Ruhe und Sicherheit. Es wird etwas geschehen und so wird es sein. Wie der Flug des Vogels, er zieht seine Bahn, der Blick folgt ihm, gibt Gewissheit für den Augenblick, doch nicht vorhersagbar ist der nächste.

War die Welle zu hoch, die mich Dir entgegentrug, ahnungsvolle Sorge, sie würde uns nicht weitertragen, sondern über uns zusammenbrechen, uns hinabreißen in eine ungewisse Dunkelheit?
Plötzlich stehst Du vor mir, ich schaue in Dein Gesicht, das sic mehr und mehr entfernt, ich eile Dir entgegen, wie ein Schwimmer, der dem Strand zustrebt. Dabei bewege ich mich  wie in einer unsichtbaren Strömung, meine Bewegungen werden angestrengt, doch die Entfernung nicht geringer. Ich möchte Dich rufen, fassungslos suche ich nach einer Sprache, wo  Gefühle nicht mehr tragen ist sie die letzte Rettungsinsel im Sog der Fremdheit.
So mühsam und voller Schmerz ist der Ruf aus der Sprachlosigkeit, wie kann ich Worte aus meinem Herzen wachsen lassen?  Ich erschrecke über mich, stolpere über meine eigenen Gedanken, will erklären, verstumme vor der Weite.
Meine Hände strecken sich Dir entgegen, ich spüre Deine Wärme, so vertraut, ein sehnsuchtsvoller Traum?

Ich fühle meinen Herzschlag, warum diese Anstrengung? Mit der Heftigkeit meines Bemühens, Brückenfeiler zu bauen, grabe ich die Kluft tiefer und tiefer. Mein Ruf zu Dir verhallt in der Nebelwand meiner Unsicherheit. Das letzte Lachen begrabe ich im Blau der Clematis, die Traurigkeit hat keinen Platz mehr im Koffer, ich binde sie an mein Herz; Erschöpfung, nur nicht nachdenken, der Kilometerzähler dreht sich.

Lajos


Briefe an Jokaste: 6.Brief

Jokaste!
I
ch höre das Bandoneon, von weit her tönt die schwere, sehnsuchtsvolle Melodie des Tangos zieht sich mit schmerzender Langsamkeit wie ein Messer durch meine Seele, in meinen Ohren verschmelzen die Töne zu Steinen, die sich um mein Herz legen. Meine Hände gleiten über die Tasten , die Buchstaben auf dem Bildschirm flackern mir entgegen, ich versuche, Dir zu schreiben, Worte zu finden.
Meine Küsse trocknen auf meinen Lippen, werden vom Wind im Rhythmus der Musik verweht, ob sie Dich jemals erreichen? In meine Hüften spüre ich  das sanfte Ziehen, mein rechter Oberschenkel drängt sich zwischen Deine Beine, ich ahne Deinen Körper, der sich mit  mir in den Takt der Musik fallen lässt. Ich halte Dich, spüre die Schwere Deines Körpers, der dünne schwarze Seidenstoff führt mich zu jedem Muskel Deines Rückens.  
Ich atme Deinen Geruch, Bilder ziehen an mir vorbei. Der alte Mann, versunken über seinem Instrument, die Töne, die Musik, die er hinein spricht in seine Geliebte, seien Schmerz, seine Lust, Sehnsucht, Angst, Verzweiflung, die junge Frau, ihr Körper, die Spannung, mit der sie seine Melodie aufnimmt, in der Bewegung ihres Körpers, ihn einhüllt, mit dem Schleier ihrer Stimme, ihr Gesang, der Glanz in seine Augen zaubert, wie meine Arme Dich halten, legt sie ihre Stimme in seine Hände, gemeinsam atmen sie die Töne des gemeinsamen Tanzes ihrer Seelen, das blaue Licht des Scheinwerfers liegt auf Deinem Gesicht,  Deine geschlossenen Augen sehen mich an, mit einem sanften Lufthauch blase ich in Dein Haar, es bäumt sich auf, wie sich Deine Hüften mir entgegen drängen, in den Träumen, der Nacht zu den Tönen des Tango, Du die Frau, in der Ferne, die ich rufe, mit meiner Sehnsucht.

Lajos


Briefe an Jokaste: 7.Brief

Jokaste!
Es ist kurz nach vier, die Wache ist gerade zu Ende, ich stehe auf der Steuerbordseite des Schiffes und schaue hinüber zum Ufer. Unter meinen Händen spüre ich das raue, kalte Metallrohr der Reling.  Wir passieren gerade den Felsen von Gibraltar, der im Dunst des Morgennebels halb verborgen ist. Noch ist die Luft kühl und ich habe mir die Kapuze des Fleece - Pullis über den Kopf gezogen. Das Meer ist heute früh ganz ruhig, ungewöhnlich an diesen Ort. Für die Menschen der Antike lag hier das Tor in eine andere Welt, durch die  Säulen des Herakles trat der Reisende in das Reich der Schatten.
Europa und Afrika treffen hier aufeinander, der Felsen von Gibraltar und das Atlasgebirge liegen sich gegenüber. Das Mittelmeer und der Atlantik vermischen ihre Wassermassen und zwei Winde tanzen in einem ewigen Wechselspiel miteinander, blasen abwechseln aus dem Westen oder Osten. Dann beginnen die Wogen in der Meerenge zu toben, unberechenbare Strömungen entstehen und der aufgepeitschte Sand am Weststrand von Tarifa weht wie ein Schleier über der Stadt. Nebelbänke bauen sich plötzlich auf, verdunkeln die Sonne und verwirren den Reisenden in seinem Schiff.
Ein Ort des Kommens und Gehens, der Begegnung und des Abschieds, der Bewegung und der Wandlung.

Meine Gedanken wandern zurück, der Abend in dem kleinen französischen Restaurant, die Bilder an den dunkelgrün gestrichenen Wänden, bunte Reklameschilder aus Emaille, die freundliche Kellnerin, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ von unserem hin- und herlaufen, auf der Suche nach einem passenden Tisch; wir spürten unsere Unruhe. Bis wir schließlich am Tresen saßen, fast verborgen in einer Ecke, als wollten wir uns verstecken. Das Stimmengewirr aus der Gaststube wurde zu einem bunten Nebel, der uns einhüllt, manchmal zerrissen vom metallischen Klacken der Espressomaschine. Der Raum um uns herum weitete sich, die Stille der Vertrautheit breitete sich aus. Woher kannte ich dieses Lachen, die Geste, mit der deine  Hand die Haarsträhne aus dem Gesicht streicht?
Es sprudelte aus mir heraus, Bilder und Träume, ein schwarzer Panther nahm sie auf und webte sie zu farbigen, geheimnisvollen Mustern. Unsere Sprache war mit einem mal reduziert auf Gesten, Blicke, Körperhaltungen. Schließlich war ich eingetauscht in den dunklen See deiner Augen, im silbernen Blinken des Vollmonds meiner Sehnsucht.
Später saßen wir in deinem Auto, die bunten Leuchtreklamen der fremden Stadt zogen vorüber, Häuser und Plätze wechselten die Gesichter. "Fahr weiter", sagte ich leise, "weiter, immer weiter". Fort aus dieser Nacht, den ersten Sonnenstrahl begrüßen.

Ich höre deinen Gesang in mir, dunkel, voller Leidenschaft und Trauer. Der sich wiederholende, auf und abschwellende Melodiebogen, eine Welle der Schönheit und Kraft, die mich hinaustrug, fort von dir, deine Hand im geöffneten Autofenster, verschwommen in meinen Tränen des Abschieds.

Vom Nordosten ist eine Wolkenwand herangezogen, schiebt sich gerade vor die Sonne und ein scharfer Wind bläst von achtern. Die Menschen hier nennen ihn Levante. Es scheint, als wollte der Wind uns hinaustreiben auf den Atlantik, schnell, nimm Abschied, kreischen die Möwen.

In der letzten Nacht hatte ich einen Traum: „Ich stand am Steuer eines kleinen Kutters, achtern, mit dem Blick auf das Meer hinter uns, hockte unser Sohn. Das kleine Boot richtete sich gegen die Wellen auf, schob sich über einen Kamm und klatschte in ein Wellental. Ich schaute nach hinten, er hielt sich mit beiden Händen an der Reling fest. In dem Augenblick, als ich bemerkte, dass er keine Schwimmweste trug, begann er wild mit den Händen zu fuchteln und rief etwas, was ich nicht verstehen konnte. Ich bekam einen gewaltigen Schreck, hat furchtbare Angst, mit dem nächsten Schlingern des Bootes würde er über Bord fallen. Ich versuchte ihn zu warnen, wollte ihn zurufen, dass er sich festhalten soll, doch obwohl sich meine Lippen bewegten, ich brachte keinen Ton heraus. In diesem Augenblick begann das Boot zu sinken, der Rumpf füllte sich mit Wasser. Jetzt sah ich die Rückenflosse eines Delphins aus einer Welle auftauschen, sah die geschmeidige Bewegung des silberglänzenden Rückens und verstand, was der Junge mir zeigen wollte. In diesem Augenblick, tauchte der Kopf des Delphins aus dem Wasser auf, ihre Köpfe waren für einen Augenblick auf gleicher Höhe, sie schauten sich an und der Junge blickte in die Augen des Delphins. Eine blaue Rose leuchtete ihm entgegen. Dann schraubt sich der glänzende Körper scheinbar mühelos empor, ein Wasserschleier wehte über das Boot und als der Kopf des Delphins wieder in das Meer eintauchte, machte der Junge einen Sachritt vorwärts".
In diesem Augenblick erwachte ich.

Wann werde ich noch einmal an diesen Ort kommen? Hier in diesem Meer ist ein Schatz verborgen, ich möchte ihn finden, mit Dir – für ihn

Lajos

 

 

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