flying dolphins

 

Anneke / Atelier / Web-Poeten / Menschen und Strassen / Sitemap

 

WEB - POETEN

Menschen und Strassen

Willibald Weber durchstreift die Stadt. Das macht er seit Jahren. Jeden Tag. Bei jedem Wetter. Er ist nicht sesshaft genug, um immer am gleichen Stammplatz zu nächtigen. Braucht eine andere Umgebung und unterschiedliche Menschen, mit denen er sich auseinandersetzen möchte. Die er sehen möchte – und sei es nur, um zu schauen, ob sie noch leben.

Es nieselt. Und für Anfang Oktober ist es ungewöhnlich kühl.

Willibalds Schuhe sind durchgelaufen. Kein Wunder, dass ihm die Füße weh tun. Früher hat er weitaus mehr Kilometer zurückgelegt. Heute hindern ihn sein Alter und die offenen Beine daran, sein Tagesziel zu erreichen. Es gab Zeiten, da ist er auf zehn bis zwölf Kilometer pro Tag gekommen.

Heute ist sein Ziel, die nächste offene Kirche zu erreichen. Für eine warme Mahlzeit und etwas Zuspruch.

Wenn er sich auf den Straßen umschaut, hat er das Gefühl, die Tippelbrüder werden von Tag zu Tag mehr. Mehr Existenzen, die sich den Anforderungen der Gesellschaft entziehen. Armselige Gestalten sitzen in Hauseingängen und spucken Blut auf die Pflastersteine. Verborgen in der Dunkelheit. Eigentlich sind sie schon vor langer Zeit gestorben. Als der letzte Mensch, den sie gekannt haben, sie vergaß. Die Stadt hat es nicht nötig ihren Unrat zu verbergen. Er macht sich selbst unsichtbar.

Das ist, neben der Unruhe in den Beinen der Grund für Willibald, durch die Stadt zu ziehen. Um den Verlorenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Dass sie nicht alleine Sterben müssen. Er hat schon zu viele Fundleichen gesehen. Menschen ohne Wohnsitz, Papiere und Bekannte oder Verwandte. Manche sogar ohne bekannten Namen. Sie werden aufgelesen und vom Staat billig entsorgt. Jemand muss ja für ihre letzte Ruhestätte sorgen.

So folgt häufig auf ein würdeloses Leben auch eine Beerdigung ohne Würde. Am Grab stehen lediglich ein Pfarrer und die Sargträger.

Würde.

So sehr Willibald versucht diese aufrechtzuerhalten, auch er hat dabei schon oft versagt. Aus der Not heraus.

Er hatte schon immer schlechte Zähne. Das Leben auf der Straße hat deren Zustand nicht verbessert. Sie brachen oder fielen aus. Da half es auch nichts, sie morgens mit dem zu spülen, was gerade da war. Vom Vorabend übrig. Mit Wasser, Bier oder Schnaps. Nach und nach verließen sie ihn oder brachen einfach nur ab, wenn er auf ein Stück hartes Brot biss, welches er in einem Abfalleimer gefunden hatte.

Die alte Rita hatte ihren letzten Atemzug in seinen Armen getan. War eingeschlafen. Aus. Lange ließ er ihren Kopf in seinem Schoß liegen. Sie sollte es weich und warm haben. Am Ende. Dann griff er der toten Frau in den Mund und löste ihr Gebiss aus. Ohne darüber nachzudenken schob er es in seinen. Es passt nicht wirklich, aber er hatte dass Gefühl, er durfte andere jetzt wieder anlächeln, ohne dass die sich vor Ekel von ihm abwandten. Oder Kinder mit dem Finger auf ihn zeigten.

Wo war da sein Gedanke an Ritas Würde? Vielleicht war er ja doch nur ein alter, verbitterter und verwahrloster Egoist?

Wenn es ihm gelingt und er in der Nähe ist, verbringt Willibald einen Nachmittag auf den Stufen zum S-Bahnhof Tempelhof. Andere Penner verhöhnen ihn dafür. Sie verbringen die Tage lieber in Parkanlagen, im Grünen.

Aber er braucht das Gefühl, sich in Massen von Menschen zu bewegen oder aufzuhalten. Dazuzugehören. Und sei es nur in seiner Vorstellung. Dort sitzt er immer auf der dritten Stufe von oben. Seinen ausgefransten Hut eine Stufe über ihm, die Flasche mit Wasser eine unter ihm. Alkohol gibt es erst nach 17 Uhr. Hin und wieder summt er eine alte Melodie vor sich hin. Five Years von David Bowie. Der Text ist in seinen, vom Alkohol zerfressenen, Gehirnwindungen verloren gegangen. Aber dieses Lied verbindet er mit einer Wendezeit in seinem Leben.

Hin und wieder hält er die Augen geschlossen, weil er es nur schwer ertragen kann, dass er mittendrin sitzt und die Leute einen großen Bogen um ihn machen. Aber wenn er es kann, wenn es ihm gelingt, blickt er den Frauen, Männern und Kindern so fest in die Augen, wie er kann. Oft schauen sie dann abrupt weg, als fühlten sie sich ertappt. Ertappt dabei, einen von der Gesellschaft ausgestoßenen zu betrachten. In ihrem Blick liegt Abscheu. Manchmal auch Erleichterung oder Mitleid.

Willibald bettelt nicht. Er sitzt auf den Stufen und lächelt. Dieses alte, graue Gesicht lächelt. Lächelt mit Ritas Zähnen. Vielleicht ist sie ja so noch ein wenig bei ihm, in ihm. Hilft ihm, den einen Menschen zu treffen, der ihn davor bewahren wird, zu einer Fundleiche zu werden.

Hier, wo die Menschen ankommen, abfahren und hin und wieder innehalten. Den einen Menschen, der sich zu ihm setzt und sagt: „Mensch Alter, du könntest doch ganz anders leben. Ein schönes Bad, die Nutzung eines Kamms und zwei oder drei ordentliche Mahlzeiten am Tag. Was machst du hier?"

Dann würde er die Augen niederschlagen und beschämt tun, oder sich tatsächlich so fühlen. Er könnte dem Menschen seine Geschichte erzählen. Von einem einzigen begangenen Fehler. Vom Verlust des Vertrauens in eigene Entscheidungen. Von daraus resultierender Selbstaufgabe. Vom Fall ins Bodenlose. Vom harten Aufschlag auf der Straße, dem sich wieder Aufrappeln und seiner Begegnung mit dem Tod. Von einer veränderten Sicht auf Menschen und das Leben. Und von seiner Angst, beim Ableben allein zu sein, wie hundert andere vor ihm.

Aber er sagt, jetzt wieder mit offenem Blick. „Ich hab´s mir ausgesucht, dieses Leben. Und ich lebe es bis zum Ende. - Danke für dein Interesse. - Wenn du mir etwas Gutes tun willst, behalte mich im Auge und sorge für ein anständiges Begräbnis, wenn ich gegangen bin. Die Menschen sollen singen und tanzen. Für Trauer ist kein Platz. Orgel, Gitarren und ein Schlagzeug sollen aufspielen. Und wenn die Musik abebbt und die Gäste halbwegs zur Ruhe kommen, sollen sie an Rita denken. Und an Hermann, Klaus und Sergej. Und dann soll das Grab zugeschüttet und auch gleich wieder vergessen werden. - Würdest du das für mich tun."

Der Mensch weiß nicht, ob er lächeln oder betroffen sein soll. Er greift in seine Gesäßtasche und holt ein Portemonnaie heraus. Er fingert einen Fünfeuroschein daraus hervor und wirft ihn den Hut. Dann erhebt er sich.

„Ich komme wieder."

Er streckt Willibald zum Abschied die Hand hin.

Willibald hat diesen Menschen die folgenden Monate nicht wieder gesehen.

Als es allmählich dunkel wird sucht er das Tempelhofer Feld auf. Schön grün ist es geworden, denkt er. Dennoch hält er sich an die gepflasterten Wege.

Er weiß, dass ihn die Ordnungshüter früher oder später hinaus begleiten werden. Hier wird abends alles abgeschlossen. Bloß den Tippelbrüdern keine Möglichkeit zur Übernachtung bieten. Das könnte ja einen schlechten Anblick für die vielen Berlintouristen bieten.

Und wenn es nur ein paar Minuten werden, die er das Gefühl hat, Sauerstoff zu atmen.

In einiger Entfernung sieht er ein Blaulicht die Dunkelheit durchschneiden. Erwartungslos und tief einatmend geht er auf das Licht zu. Ursprünglich wollte er Heiner, den Imbissbetreiber hier, um eine Currywurst bitten, nicht zu stark gewürzt, damit sein Magen nicht rebelliert. Aber von Ferne sieht er, dass es dafür offenbar zu spät ist.

Willibald hat beinah den Krankenwagen erreicht, als Bastian, einer der Sanitäter, mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu kommt, um ihn auf Abstand zu halten. Für bestimmte Menschengruppen ist Berlin ganz schön klein. Man kennt sich und trifft sich immer wieder.

„Ist es einer von uns?", fragt Willibald mit einer Vorahnung.

Bastian nickt.

„Karotte. - Es ist das passiert, was zu erwarten war. Nicht medizinisch ausgedrückt würde ich sagen, er hat sich totgesoffen."

Diesmal ist es Willibald der nickt.

„Ja, das hat er wohl! Er war längst überfällig. Im Moment vergeht kein Tag, an dem ich keine Leiche zu Gesicht bekomme. Sie gehen alle. Ist nur eine Frage der Zeit und der Umstände. Solange sie friedlich einschlafen, ist fast alles in Ordnung."

Der letzte Satz klingt, als hätte der alte Mann längst resigniert. In Gedanken versunken setzt er seinen Weg fort. Wenn er hier quer durch geht, kommt er in Neukölln raus. Es nieselt immer noch. Langsam aber stetig.

„Willi!", ruft ihm Bastian aus einiger Entfernung hinterher.

Der bleibt stehen, blickt aber nicht zurück.

„Wenn es bei dir mal so weit ist, ich kümmere mich um dich. Deine Beerdigung und so. Schreib es halt irgendwo auf, dass sie mich benachrichtigen sollen."

Einen Moment glaubt Bastian Willi hätte ihn gar nicht verstanden. Dann dreht sich der Alte doch noch um und winkt, mit einem Gegenstand in der Hand.

„Ich danke dir. Aber die Zähne, die Zähne nimm mir raus und gib sie jemandem, der noch eine Verwendung dafür hat."

Willibald dreht sich um und geht langsam lächelnd auf den Hinterausgang zu. Für die Begegnung mit solchen Menschen, die sehend und mitfühlend durch die Welt gehen, lohnt es, noch den einen oder anderen Tag durchzuhalten.

Die Richardkirche wird heute wohl nicht mehr erreichen.

 

Text: Matthias Rische

 

 

Top